Am Freitag, dem 29.09.2000 kam Terry Pratchett im Rahmen seiner kurzen Deutschland-Tour dann endlich auch nach Berlin. Die Lesung fand in der Passionskirche am Marheineckeplatz in Berlin-Kreuzberg statt.

Als wir am Platz vor der Kirche ankamen, musste ich erstmal feststellen, dass ich von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen war, was die Natur dieser Lesung betraf. Ich hatte mir eine gemütliche Veranstaltung vorgestellt, mit Terry und vielleicht 50 anderen Verrückten. Statt dessen drängelten sich aber über 300 Leute vor den Toren der Kirche und ich war doch etwas überrascht von der Popularität, die Terry scheinbar auch hier in Deutschland genießt. Wenn auch nur die Hälfte von denen, die an diesem Abend nach Berlin kamen, bei uns Mitglied werden, sieht der Fanclub rosigen Zeiten entgegen :-)

Wie der Veranstalter - der UFO-Buchladen in Berlin-Kreuzberg - uns kurz vor Beginn mitteilte, handelte es sich bei Terrys Besuch in Berlin tatsächlich um die größte Veranstaltung auf der Tour.

Bevor es aber richtig losging, hieß es für uns zunächst die erste Bankreihe zu besetzen. Das schien uns als Vertreter des offiziell-inoffiziellen deutschsprachigen Terry Pratchett Fanclubs - als solche deutlich zu erkennen an T-Shirts und Schildkrötenanhänger - nur recht und billig. Hat auch keiner gewagt, ernsthaften Widerspruch gegen unser Ansinnen einzulegen. Das kann allerdings auch an unseren Sitznachbarn gelegen haben... Man mag es kaum glauben, aber es gibt tatsächlich noch verrücktere Leute als uns. Die drei Jungs neben uns hatten sich nämlich für die Lesung in ihre Gewandung gekleidet und traten auf als ein Mitglied der Stadtwache, als der Dekan (der übrigens ungewandet locker einen Pratchett-Look-alike-Wettbewerb gewonnen hätte) - stilecht mit Robe, Hut und dickem Zauberbuch sowie als Bibliothekar - ugh!.

Nachdem wir noch ein paar unschuldige, nichtsahnende Besucher mit unseren Flyern belästigt hatten, ging die Saalbeleuchtung bis auf einige wenige Scheinwerfer aus und der Meister persönlich betrat endlich die schummrig ausgeleuchtete Bühne.

Terrys erste Worte an das Publikum lauteten: "Das letzte Mal, dass ich so viele rote Lichter gesehen habe, war in Level 5 von "Doom II."" - zur Erinnerung: Wir befanden uns in einer Kirche!!! Die Zuhörer jedenfalls tobten vor Lachen und so sollte es den ganzen Abend weitergehen. Unser aller Lieblingsautor war in Erzähllaune und dachte gar nicht daran, irgendwas aus seinen Büchern vorzulesen. Statt dessen gab er eine Anekdote nach der anderen zum Besten. Zum Beispiel, wie er als kleiner Junge - immer auf der Suche nach neuem Lesestoff - nach der Schule bei in der örtlichen Bibliothek jobben ging und dabei den Bibliothekar bei seiner Arbeit beobachtete ("Ich dachte: Diese Arbeit ist so einfach; sogar ein Affe könnte sie tun..."), wie er das erste mal mit "Erwachsenenliteratur" in Berührung kam oder über seine Arbeit als Pressesprecher eines Atomkraftwerkes ("Bei uns ist keine Strahlung ausgetre- oh, Sie meine diese Strahlung... Aber das war doch ganz wenig; so wenig, dass Sie sie nicht einmal sehen könnten...").

Am längsten sprach Terry über seine erste Begegnung mit Orang-Utans. Er zog mit einem Filmteam durch den Dschungel von Indonesien (warum habe ich leider nicht verstanden) und hatte dort wohl ziemlichen Spaß mit den jungen Orang-Utans, die sich ständig aus den Picknick-Körben der Crew bedienten. Irgendwann ließ sich dann auch mal ein ausgewachsener männlicher Orang-Utan am Set blicken und bescherte der gesamten Filmmannschaft inklusive Terry einen gehörigen Schrecken. Muss wohl ein imposanter Anblick sein, was die Besucher der Geflickten Trommel in Ankh-Morpork sicherlich bestätigen können :-)

Dann lies sich Terry Fragen aus dem Publikum stellen, da er "Spaß daran hat, intelligente Fragen noch intelligenter zu beantworten - und zwar so spannend, dass der Fragende gar nicht mitbekommt, dass eigentlich gar nicht auf die Frage geantwortet wird." Die Zuschauer fragten nach Terrys Lieblingscharakter der Scheibenweltgeschichten, nach dem Scheibenweltspielfilm (es wird wohl derzeit doch keiner gedreht) und nach den Reaktionen der Leser auf "Einfach göttlich".

Eine Frage betraf seine nächsten Projekte. Terry gab darauf hin erstaunlich detailliert Auskunft über das erste - wie er sagte - "Scheibenwelt-Kinderbuch". Es wird darin mit dem Motiv des "Rattenfängers von Hameln" gespielt - allerdings auf typisch pratchett'sche Art und Weise. Wunder-Maurice und seine erstaunlichen trainierten Nagetiere (von ihnen war bereits zu lesen) spielen die Hauptrolle in dieser Geschichte. Allerdings ist Maurice nicht der Rattenfänger, sondern ein äußerst schlauer Katter. Dem Nagetierclan gelingt es, einen jungen Burschen zu überreden bei ihrem Plan mitzumachen: Die Ratten ziehen von Stadt zu Stadt, ärgern die Bewohner ein bisschen und dann erscheint "zufällig" der Bursche und spielt auf seiner Flöte, worauf ihm die Ratten aus der Stadt folgen, die jeweiligen Stadtväter wieder froh und glücklich sind und dem Burschen Geld geben, was der natürlich mit den Ratten teilt. Eines Tages taucht dann aber der richtige Rattenfänger auf... Klingt für mich weniger nach einem Kinderbuch als nach einem waschechten Pratchett - ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf.

Nach über anderthalb Stunden kurzweiliger Plauderei läutete Terry dann die von allen heiß ersehnte Signierstunde ein und verschwand Sekundenbruchteile später in einer dichten Menschentraube, in die auch wir uns reindrängelten. Als allerdings klar wurde, dass der Meister so lange signieren würde, wie ihm irgend etwas Signierenswertes unter die Nase gehalten wurde, entspannten wir uns ein wenig, ließen mehr oder weniger den anderen Leuten den Vortritt, verteilten zwischendurch lieber noch ein paar Flyer und beantworteten mit Engelsgeduld auch zum zwanzigsten Male die Frage, wo es denn die scharfen T-Shirts gäbe :-)

Ich hatte dann noch die Ehre, den Meister zum Ehrenmitglied unseres Clubs zu ernennen und ihm seine Mitgliedskarte auszuhändigen. Er zeigte sich sehr erfreut über die Tatsache, dass wir ihm die Nummer 7a zugedacht hatten; für kurze Zeit war die immer noch beachtliche Menge hinter mir vergessen und Terry murmelte entzückt "Hey, meine Glückszahl!".

Nachdem dann wirklich alle außer uns gegangen waren, gab's noch ein Gruppenfoto mit den "T-Shirt-People" und ganz zum Schluss ließ dann endlich auch Ayami vom sichtlich erschöpften Meister ab :-)

Es war ein sehr gelungener Abend und ich hoffe, dass Terry bald wieder nach Deutschland kommt, denn ich habe da noch ein paar unsignierte Bücher... :-)

© 2017 Tilo Wieczorek