Zuerst einmal möchte ich ein paar Sätze zur Signierstunde loswerden. Es gibt nirgends eine bessere Möglichkeit, ein wenig über Pterry fachzusimpeln, als in einer langen Schlange während man darauf wartet, endlich eine Unterschrift des Meisters auf oder in eine Sache zu bekommen, die einem sehr am Herzen liegt (möglichst in alle Bücher und auf alle anderen Dinge, die mit ihm zu tun haben). Außerdem relativiert sich die Sichtweise des eigenen "Fandoms", da es immer noch einige Typen gibt, die noch ein wenig härter drauf sind. Und schließlich gibt es fast nichts lustigeres, als arglose Menschen auszubuhen und aufzuklären, die verwundert dreinblickend an der Schlange vorbei flanieren und Fragen stellen. Zum Beispiel: "Wassn hier los?" ("Wir sind Anhänger von Bel-Shamaroth und bringen ihm gleich ein Opfer dar."); "Wersn das?" ("Ich weiß nicht, ich stehe hier nur, um zu sehen, worauf die anderen warten. " "Ich auch." "Ich auch.") und am schlimmsten: "Sagt mal, ist das Drafi Deutscher, auf dem Foto da vorn?" (*@%*$§*piep*&! Bel-Shamaroth vertilge Deine Seele ! Und die Eingeweide gleich dazu !) :-).

Da dies meine erste Erfahrung in dieser Richtung war, fand ich es sehr angenehm, endlich einmal Mitmenschen zu treffen, die einen verstanden, wenn man über die Angewohnheiten seiner Lieblingscharaktere spricht und den Umstehenden Schnappers Heiße Würstchen anbietet. Hier hat mich niemand schief angeschaut und gefragt, ob es noch geht. Eine ganz neue Erfahrung.

Nachdem wir (ich war mit einem Freund unterwegs) jeder unsere Signatur in leider nur einem Buch hatten - wir standen in der Mitte der Schlange, wo er nur ein Exemplar pro Person signierte -, machten wir uns auf den Weg zur Lesung, die in der Zweigstelle der Buchhandlung stattfand.

Zwischendurch kehrten wir bei einer bekannten amerikanischen Pizzakette ein, beeilten uns jedoch, um nicht zu spät zu kommen.

Nach fünfundzwanzig Minuten Wartezeit vor dem Geschäft, wurden wir eingelassen und bekamen den besten Platz im ganzen Raum. Wir standen ca. zwei Meter links vor dem Podium, auf dem Terry sprechen würde. Einige, der etwa 300 Leute, die Sitzkarten ergattert hatten, saßen zehn Meter hinter uns. Selbst Schuld. Auch hier unterhielten wir uns angeregt mit einigen anderen Fans. Ein Mädel wollte uns unbedingt für die "Guild of Fans and Disciples" anheuern. Aber sonst war sie sehr nett.

Eine adrette Dame mittleren Alters betrat kurz darauf die Bühne und kündigte mit begeisterten Worten den Mann an, auf den alle gespannt warteten. Kaum, dass ihr letztes Wort verklungen war, schlenderte er locker und entspannt die Treppe herab. Ich muss gestehen, ich war den ganzen Tag schon aufgeregt und konnte es nun kaum erwarten, Pterry einmal in Aktion zu erleben. Während er mein Buch signiert hatte, hatten wir schon einige Worte gewechselt, nun hoffte ich, meinen ersten Eindruck bestätigt zu sehen. Terry lehnte sich lässig an das Pult, das neben einem Schreibtisch mit zugehörigem Stuhl stand, nahm die bereitliegende Ausgabe des Buches "Der fünfte Elefant" zur Hand und blätterte kurz darin. Dann wandte er sich an uns und meinte, er traue es jedem Anwesenden zu, das Buch alleine lesen zu können, auch wenn Mutter vielleicht ein wenig mit den Worten helfen müsse. Das Publikum johlte und klatschte. Und nicht das einzige Mal. Selten wurde meine Lachmuskulatur so sehr strapaziert, wie im Laufe dieses Abends. Immer wieder streute er hintergründige, typisch englische Scherze mit ein und manches Mal schöpfte er aus dem Vollen, so dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte.

Nach der Frage, wie viele das Buch schon gelesen hätten, und erstaunlich wenigen Meldungen, meinte er, er wolle uns den Spaß nicht verderben und von anderen Dingen erzählen. Das tat er dann auch. Er verstand es, einen lockeren Plauderton anzuschlagen und die Stimmung zu vermitteln, wir säßen alle in seinem Wohnzimmer bei einer Tasse Tee. Fehlte nur noch die Frage: "Wie wärs mit ein paar Keksen?"

Terry erzählte uns von "The Truth" und seiner Zeit bei der Presse, die ihn zu diesem Roman inspiriert hatte. Damals gab es noch richtige Setzer und mechanische Pressen und im Druckraum herrschte so eine Art magischer Stimmung und es roch sogar magisch. Man konnte, wenn man schnell genug war, den Text lesen, während der Setzer die Typen setzte. Er erklärte uns die Herkunft der Worte "Upper Case" und "Lower Case" und erzählte ein paar Geschichten aus seiner Zeit als Journalist.

Dann kam er auf "Thief of Time" zu sprechen, sprach über die History Monks und beschrieb die Handlung.

Irgendwann fragte er, wer denn in diesem Jahr auf dem Oktoberfest war. Er sei so beeindruckt, dass er wahrscheinlich ein ähnliches Fest in eines der folgenden Bücher integrieren würde. Vielleicht wäre Lancre ein passender Ort, schlug er vor.

Er ging ein wenig auf den übernächsten Roman, "The last Hero" ein, wobei er bewusst ein bisschen geheimniskrämerisch tat und nur erwähnte, dass es um den letzten Helden gehe, der das richtet, was der erste verbockt habe. Es erscheint mit über 70 Illustrationen von Paul Kidby und Terry gehe davon aus, dass es den Fans sehr gefallen werde.

"Nanny Ogg's Kochbuch", "Das Scheibenwelt Album" und den Film "Good Omens" handelte er in ein paar Sätzen ab. Bei dem Thema Film fiel ihm der Dokumentarfilm zum Thema "Orang-Utan" ein, den er im Auftrage der BBC kommentieren sollte, wo wir schon gerade dabei waren, machte er jede Menge Werbung für die Orangutan-Foundation. Nebenbei erzählte er uns einige Anekdoten, die er während der Dreharbeiten erlebte.

Schließlich war die Zeit für Fragen gekommen. Und er wies darauf hin, dass er nur intelligente Fragen beantworten würde. Und falls wir den Eindruck hätten, die Antwort sei viel länger als erforderlich, und die Frage wäre eigentlich nicht beantwortet, so sei dies beabsichtigt, und wir möchten doch bitte dann die nächste Frage stellen.

Die meisten Fragen waren vorauszusehen, wie z.B. die, nach seinem Lieblingsbuch und dem Lieblingscharakter und warum es nicht mehr Bücher mit Rincewind und Truhe gäbe. Also die Art von Fragen, die in jedem Interview gestellt werde. Besonders ausführlich hat er die Fragen, wie er schreibt, also nach seiner Technik, was er von Harry Potter und J.K. Rowling hält, über die Problematik mit der deutschen Übersetzung, und den seltsamen Titel der deutschen Fassungen beantwortet.

Nachdem uns die Fragen ausgegangen waren, schlug er vor, den Schreibtisch und den Stuhl vom Podest zu nehmen und in den Gang zu stellen, um noch ein paar Sachen zu signieren.

Plötzlich brach Chaos aus, alle drängten sich um den Tisch. Erst nachdem Pterry versprach, alles zu signieren, was ihm unter den Stift kommt, beruhigten sich die Fans ein wenig und stellten sich ordentlich in einer Reihe an.

Das Warten wurde wieder mit lustigen Diskussionen über Scheibenweltthemen mit anderen Fans verkürzt und als ich wieder an der Reihe war, erlebte ich eine der größten Überraschungen meines Lebens: Pterry erinnerte sich noch vom Nachmittag an mich, und wir unterhielten uns eine Weile, während er mein zweites Buch (ja, ich weiß ich bin bescheiden) und die Eintrittskarte signierte. Er fragte mich, ob ich beim Oktoberfest war und meinte, ein Maß Bier täte ihm jetzt gut, es wäre ja sehr warm hier. Aber er habe ja noch sein Wasser. Mit einem leidvollen Blick betrachtete er das Glas vor sich, griff dann hinter sich, in eine Schüssel mit Wasser und Eiswürfeln, nahm einen Waschlumpen heraus und tupfte sich die Stirn. Mittlerweile habe ich erfahren, dass bei jeder Lesung ein akuter Biermangel herrscht. Also setze ich es mir zum Ziel, Pterry bei der nächsten "Lesung", bei der ich aufschlage, mit kaltem Bier zu versorgen. Ich hoffe, Ihr tut es mir gleich. Sonst hat er vielleicht bald keine Lust mehr, in Deutschland zu "lesen". ;-)

Fazit: Eine Lesung von Terry Pratchett ist immer eine Reise wert. Sie hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und ich mag den Mann noch mehr, als ich es ohnehin, durch seine Bücher, tat. Er ist wirklich so, wie man ihn sich vorstellt, freundlich, direkt, gar nicht abgehoben oder arrogant, ohne Starallüren und unheimlich witzig und humorvoll. Eben einfach zum gernhaben.

Im Auto, auf dem Weg nach Hause kam mir ein Satz in den Sinn, den ich im Pratchett Quote File las: "I mean, I wouldn't pay more than a couple of quid to see me, and I'm me." Und ich dachte bei mir: Ich habe das Geld nicht bezahlt, um Sie zu sehen, Herr Pratchett, sondern, um Sie zu erleben. Und ein Erlebnis war es. Eines der besten.

© 2017 Markus Walz