"Keine Kondome in Minas Tirith"

Am 12. September 2006 war Terry Pratchett nach fünfeinhalb Jahren endlich wieder mal zu Gast in Deutschland und wir waren natürlich bei seiner "Lesung" in Berlin dabei. Die Eintrittskarten dafür hatten wir uns teilweise bereits Monate vorher gesichert und somit kochte die Vorfreude auf das Ereignis schon eine ganze Weile auf kleiner Flamme.

Als wir so gegen 18 Uhr am Renaissance-Theater eintrafen, hatten andere Mitglieder des Fanclubs schon einen halben Tag Terry Pratchett hinter sich. Der Manhattan-Verlag hatte nämlich bereits am Nachmittag ein Meet&Greet in Terrys Hotelzimmer ermöglicht, zu dem drei glückliche Menschen eingeladen waren. Danach gab der Meister noch eine Signierstunde in einer Berliner Buchhandlung, die Augenzeugen zufolge so stark belagert wurde, dass zum Ende hin die Zahl der signierten Bücher streng limitiert werden musste. Anschließend gab unser Vorsitzender sogar noch einem lokalen Radiosender ein telefonisches Interview. Und nun, um 20 Uhr, sollte der Tag mit einem Auftritt Terrys vor einem größeren Publikum ausklingen.

Bereits im Foyer des Theaters wurde deutlich, dass sich im Vergleich zu seinen früheren Besuchen in Deutschland einiges geändert hatte. Standen die anno 2000 und 2001 noch unter dem Sponsoring lokaler Buchhandlungen, hatte sich diesmal der Manhattan-Verlag sehr stark eingebracht und einen gut sortierten Buchverkaufsstand aufgebaut. Leider fiel hier verstärkt auf, wie hässlich das Cover von "Klonk!" im Vergleich zu den weit geschmackvolleren früheren Einbandillustrationen ist.

Am Eingang erklärten uns die Mitarbeiter des Theaters stolz, dass alle 500 Plätze ausverkauft waren. Es blieben auch tatsächlich nur sehr wenige Plätze frei. Der Bühnenaufbau machte mit ungewohnten zwei Sesseln und einem flachen Rauchtisch ebenfalls darauf aufmerksam, dass der Abend etwas anders verlaufen würde, als zumindest ich erwartet hatte. Normalerweise schnappt sich Terry ja ein Mikro und plaudert etwa eine Stunde launig vor sich hin, bevor er dann die Fragestunde einläutet um anschließend dann zur Signierstunde überzugehen. Stattdessen wurde Mr. Pratchett auf eigenen Wunsch diesmal von einem Herrn namens Bernhard Robben begleitet, der dann ein etwa einstündiges Live-Interview auf der Bühne führte. Obwohl es sich bei Herrn Robben nach eigener Aussage nicht um einen eingefleischten Fan handelte, der alle Bücher gelesen hat, stellte er durchaus Fragen, die auch für erfahrene Pratchett-Leser noch von Interesse waren. Terry antwortete gewohnt souverän und hatte sichtlich Spaß an der Sache. Auf die Frage, was denn die Scheibenwelt von anderer Fantasy unterscheide, antwortete er, das seine Geschichten einfach die logische Weiterentwicklung anderer Geschichten darstellen. Wenn bei Tolkien die letzte Seite umgeschlagen wird, sollte der Leser sich eigentlich fragen, wie es denn nun weitergeht mit dem neuen König, wie er denn sein kaputtes Reich wieder aufzubauen gedenkt, wie denn die Hauptstadt Gondors funktioniert. Genau diese Art Neugier würden seine Bücher befriedigen und der Versuch solche und ähnliche Fragen zu beantworten führe dann eben auch dazu, dass es in Ankh-Morpork im Gegensatz zu Minas Tirith eben ganz selbstverständlich eine Kondom-Fabrik gäbe.

Die Zeit verging wie im Fluge und als Terry das Interview mit einem nicht ganz stubenreinen Witz beendete, erwartete ich eigentlich die obligatorische Aufforderung an die Besucher, ihm nun Fragen zu seinen Werken und seiner Person zu stellen. Stattdessen ging es aber nahtlos in die Signierstunde über. Und nicht nur meine Erwartungen wurden enttäuscht. Während die große Masse des Publikums artig eine lange, lange Schlange vor der Bühne bildete, blickten einige Leute verwirrt im Zuschauerraum um sich und murmelten davon, dass doch eigentlich noch ein zweiter Teil der Lesung - nämlich die Fragestunde - angekündigt gewesen wäre... Wie sich später herausstellte, entsprach auch der Verzicht auf Fragen aus dem Publikum einem Wunsch Terrys.

Nun ja, das Signieren von jeweils zwei Büchern für 500 Leute dauerte auch so lange genug. Als alte Hasen in dieser Beziehung warteten wir ganz entspannt darauf, dass die Schlange kürzer wurde und stellten uns fast als Letzte an. Ich hatte noch eine große Packung HARIBO-Phantasia für den bekennenden Gummibärchen-Fanatiker Pratchett dabei, die ihm ein glückliches Lächeln entlockte. Außerdem hatte ich aus meinem logistischen Abenteuer auf der Buchmesse 2001 gelernt und war mit zwei Flaschen Bier bewaffnet, die Terry aber lieber als Schlummertrunk im Hotel zu sich nehmen wollte.

Nachdem dann das letzte Buch signiert und das letzte Foto mit seinen Fans geschossen war, sagten wir dem sichtlich erschöpften Meister Lebewohl und hoffen, dass es nicht noch einmal fünfeinhalb Jahre dauert, bis er sich wieder in Deutschland blicken lässt.

© 2017 Tilo Wieczorek